Abstract - DFG-Graduiertenkolleg 1412

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Zwischen kulturellem Gedächtnis und neuen Identitätsmustern. Die Sprachen der bulgarischen Juden als Symbol eines gesellschaftlichen Wandels

KURZPROFIL:
Das interdisziplinäre Dissertationsvorhaben beschäftigt sich mit der Rolle der Sprachen Jiddisch, Sephardisch und Hebräisch und ihrer Bedeutung für die Identität der bulgarischen Juden. Mittels quantitativer Fragebögen und narrativer Interviews auf Bulgarisch und Spanisch sowie einer komparatistischen Studie mit bulgarischen Juden in Israel soll erforscht werden, ob die Stellung der Sprachen stellvertretend für Veränderungen im kulturellen Gedächtnis, gesellschaftliche Wandel in der jüdischen Gemeinde und für neue Identitätsmuster stehen.

HINFÜHRUNG:
Seit dem Mittelalter sind immer wieder Aschkenasen  in das Territorium des späteren Bulgariens eingewandert. Nachdem die Juden 1492 aus Spanien und wenig später auch aus Portugal vertrieben wurden, fanden viele Sepharden eine neue Heimat auf dem Balkan. Sie brachten nicht nur ihre eigenen Bräuche und Traditionen mit, sondern auch ihre Sprache: das Sephardische oder Judenspanische. Die Juden, die in das spätere Bulgarien eingewandert sind, integrierten sich schnell in der neuen Heimat, erlernten Bulgarisch und trugen die Gedanken der bulgarischen Wiedergeburt mit. Doch die Anzahl der Sephardisch- und Jiddischsprecher wurde in den letzten hundert Jahren immer kleiner. 1945-50 wanderten ca. 90 % (45.000) der bulgarischen Juden nach Israel aus. Zwischen 1990 und 1995 verließen ca. 2.700 Juden Bulgarien in Richtung Israel oder Westeuropa. Im Zensus von 2011 tauchen die Sprachen Jiddisch und Sephardisch nicht in der Statistik auf, wahrscheinlich weil zu wenige Personen sie als Muttersprache angegeben haben. Stattdessen werden seit 1992 in Sofia Hebräischkurse angeboten. Von den unter 18jährigen war die Anzahl der Personen mit Hebräischkenntnissen 1998 dreimal so hoch wie in der jüdischen Gesamtbevölkerung. Die verbliebenen Juden sehen ihre Zukunft heute mehrheitlich in Bulgarien und nicht in der Auswanderung. In Israel sind das Sephardische und das Jiddische weiter lebendig.

FRAGESTELLUNG:
Das Dissertationsvorhaben geht der Frage nach, ob sich anhand der Rolle, welche die Sprachen Jiddisch, Sephardisch und Hebräisch in den jeweiligen geschichtlichen Epochen spielen, gesellschaftliche Wandel innerhalb der jüdischen Gemeinde Bulgariens ablesen lassen. Sind die Sprachen ein Symbol für neue Identitätsmuster und Veränderungen im kulturellen Gedächtnis? Warum vernachlässigen die bulgarischen Juden die Sprachen ihrer Vorväter und lernen stattdessen heute Hebräisch?
Zunächst muss geklärt werden, welche Bedeutung die Sprachen für die Juden heute spielen. Welchen Teil tragen sie zur Identität bei? Sind sie mit bestimmten Werten verbunden? Ist das Sprechen oder Erlernen einer jüdischen Sprache an einen bestimmten Grad von Religiosität oder an eine bestimmte politische Einstellung gekoppelt?
Entscheidend ist zudem, welche anderen Elemente die jüdische Identität bestimmen und inwiefern sie gemeinsam oder unabhängig von den Sprachen auftreten. Kann es ein Fortbestehen des kulturellen Gedächtnisses mit gemeinsamen Traditionen, gemeinsamer Geschichte und Religion geben, wenn die Sprachen verloren gehen? Oder bedeutet der Schwund der Sprachen auch den Niedergang der übrigen jüdischen Kultur? Woraus besteht dann aber die jüdische Identität?
Letztlich müssen äußere Umstände berücksichtigt werden, wie z. B die Rolle des Kommunismus, die großen Auswanderungswellen und der Grad der Integration der Juden in Bulgarien.
Eine komparatistische Studie mit bulgarischen Juden in Israel soll es ermöglichen, die in Bulgarien gewonnenen Erkenntnisse zu vertiefen, zu bestätigen oder zu negieren. Die Juden, die von Bulgarien nach Israel ausgewandert sind, teilen bis ca. 1950 die gleiche Geschichte. Ab dann leben sie in dem einzigen jüdischen Staat der Welt. Welche Folgen hat das auf ihre Sprachen und Identitätsmuster? Ist bei ihnen eher ein jiddisches oder sephardisches kulturelles Gedächtnis erhalten? Wenn es entscheidende Unterschiede hinsichtlich der Identitätsmuster zwischen den in Bulgarien verbliebenen und den ausgewanderten Juden gibt, worauf ist das zurückzuführen? Ist von vornherein nur eine bestimmte Gruppe Juden geblieben oder sind politische Umstände für die unterschiedliche Entwicklung verantwortlich? Gleichzeitig soll die Rolle des Bulgarischen und sein identitätsstiftendes Moment erforscht werden. Pflegen die ausgewanderten Juden diese Sprache weiter? Hat sich eine bulgarisch-jüdische Identität entwickelt, die sich beispielsweise in der Organisation von bulgarisch-jüdischen Vereinen in Israel zeigt?
Die Bedeutung der Sprachen für die Identitätsbildung ist bei den Juden insofern von besonderem Interesse, als sie mit Sephardisch und Jiddisch eigene Sprachvarianten auf der Grundlage europäischer Sprachen entwickelt haben. Zudem befinden sich die Juden nach eigener Interpretation seit über 2.500 Jahren in der Diaspora. Sowohl der Begriff der Identität als auch die Stellung der Sprachen in diesem Zusammenhang erlangen somit eine herausragende Bedeutung.



 
 
 
 
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